Archive for Februar 8th, 2008

Fahren im Chaos (3)

Freitag, Februar 8th, 2008

Der Grund fuer das untertourige Fahren, hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Offensichtlich ist man hier der Meinung, das diese Fahrweise besonders oekonomisch ist. Eine weitere praktizierte Verhaltensweise Sprit zu sparen, ist das Nichteinschalten der Lichtanlage bei Nacht und schlechten Wetterbedingungen wie Nebel oder starkem Regen. Dies gilt insbesondere fuer Taxis, oeffentliche Busse und LKW’s, egal wie gut oder schlecht die Sicht ist. Urploetzlich taucht aus dem Nichts ein unbeleuchteter liegengebliebener Bus oder Laster mitten auf der Strasse stehend auf. Nur aufgrund meiner 30-jaehrigen Erfahrung und hoch angespannten Sinnen gelingt es mir das Hinderniss zu umfahren. Wenn nicht ausgeschaltet, dann sind die Rueckleuchten mit Dreck und Schlamm zugekleistert oder nach dem letzten Auffahrunfall nicht mehr repariert worden. Wen stoert’s? An Fahrraedern fehlt gleich die komplette Lichtanlage, denn sie gehoert nicht zur Grundausstattung und die Kraftraeder verzichten meist auch auf die stoerende, aufhellende Strahlung. Wenn aus einem oeffentlichen, bis zum geht-nicht-mehr vollgepackten Bus urploetzlich ein hagerer, kurzer Arm auf und ab schwenkend erscheint, heisst das nichts anderes als dass die Blinkeranlage auch nicht funktioniert und der Busfahrer beabsichtigt abzubiegen. Das Bremslicht hatte ohnehin schon den Dienst versagt. Jetzt glauben Sie wohl den Grund hierfuer erkannt zu haben: Kein Wunder in diesem unterentwickelten Land gibt es keinen Technischen Ueberwachungsverein. Weit gefehlt. Spaetestens alle zwei Jahre, unser Fuhrpark sogar jedes Jahr, muss das Fahrzeug zur technischen Ueberpruefung vorgestellt werden. Die strengen Auflagen gelten aber offensichtlich nur fuer Auslaender und fremdfinanzierte Unternehmen, die sich an die Vorschriften halten. Anderenfalls muessten mindestens 60%-70% der Fahrzeuge aus dem Verkehr und die meisten davon wohl stillgelegt werden. Das ist einfach nicht machbar. Stellen doch die zahlreichen Transportmittel eine wesentliche Lebensgrundlage fuer viele Menschen dar. Die pragmatisch eingestellte chinesische Regierung packt das Problem von einer anderen Seite an. Nahezu ueber Nacht wird eine technisch ueberalterte Fahrzeuggeneration durch eine modernere ersetzt. Das laesst sich am einfachsten bei den Taxiunternehmen, die auch heute noch in den meisten Regionen und Staedten das Strassenbild beherrschen, umsetzen. 1998 wurden urploetzlich alle Minitransporter aus dem Verkehr gezogen und durch den kleinen, kompakten Xiali ersetzt. Wir nannten diese Kleintransporter ‚Toaster’, das sie schmal aber hoch gebaut waren und neben den Fahrgaesten auch noch Platz fuer das mitgeschleppte Fahrrad oder Moped boten. Ein paar Jahre spaeter wurde der meist rote Xiali durch einen modernen Santana ersetzt. Nur bei den Lastkraftwagen setzt man wohl auf die naturgegebene Zerfallzeit des Materials und laesst sie weiter mit gebrochenen Achsen, abgefahrenen Profilen und mangelhaften Bremsanlagen ihre schwarzen, stinkenden Pestwolken in die Atmosphaere blasen.Der hohen Luftverschmutzung in den Staedten wird durchaus grosse Aufmerksamkeit seitens der Regierung beigemessen. Mobile Messfahrzeuge sind regelmaessig im Einsatz und ermitteln den Verschmutzungsgrad in der Luft. Auch die Laermbelaestung in verkehrsreichen Ballungszentren wird deutlich sichtbar auf grossen elektronischen Tafeln angezeigt. Die Erhebungen werden monatlich in der ‚China Daily’ veroeffentlicht. Abhilfe wuerden sicher auf dem neuesten technischen Stand stehende Russpartikelfilter und Katalysatoren schaffen. Diese halten dem qualitativ schlechten Diesel und Benzin jedoch nicht lange stand und somit wuerde diese Investition schnell in ihrer Wirkung verpufft sein. In Vorbereitung der olympischen Spiele 2008 in Peking hat man daher das ungeliebte Sonntagsfahrverbot getestet. Mit maessigem Erfolg.

Fortsetzung: Fahren im Chaos (4)

Fahren im Chaos (2)

Freitag, Februar 8th, 2008

Auf den Strassen Jinan’s, 1997, bewegte sich alles was Raeder hatte oder mindestens zwei Beine. Fahrraeder, oft weit ueber die Koerpergroesse des Fahrers hoch hinaus und auf beiden Seiten des Gepaecktraegers mit allerlei Waren und Guetern beladen oder als Personentaxi benutzt. Kraftraeder aller Art und Zwei-Takter Traktoren, die stinkende Abgase in die Luft schleudern, Mulis vor Karren gespannt, ausgemergelte, drahtige Chinesen, die schwere Handkarren mit Ziegelsteinen, Schaumstoffen oder Wasserbehaeltern durch die neuangelegten Strassen zogen.
Die engen, schlecht gepflasterten Buergersteige treiben auch die Fussgaenger auf die bequemere Strasse. Voellig ungestoert von dem brodelnden, stinkenden, lauten Verkehr um sie herum, laufen sie natuerlich nicht hinter- sondern zu Dritt und mehr nebeneinander sorglos in ihr Gespraech vertieft. Ein ununterbrochenes Hupen schallte von der Strasse zu unserem Zimmer im 26. Stock des YuQuan Hotels hoch, in dem wir die ersten Wochen nach unserer Ankunft verbrachten. Das Hupen wurde erst Jahre spaeter in den Grossstaedten wie Shanghai beginnend verboten. Allerdings ist es als wollten Sie dem Einarmigen auch noch den verblieben Arm festbinden oder das Atmen verbieten. Ohne Hupe ist das Fahrzeug kaum zu bewegen. Waehrend das Funktionieren der Lichtanlage oder der Zustand der Bremsen voellig nebensaechlich sind, ist die Hupe unabdingbar fuer den Fahrer. Egal ob notwendig oder nicht, vorsichtshalber wird erstmal gehupt. Man weiss ja nie. Weil das vorausfahrende Fahrzeug nur im Schritttempo schleicht oder staendig auf der Bremse steht oder ohne Anzeige die Spur wechselt oder an der Ampel das gruene Licht verschlaeft, es gibt immer einen guten Grund die quaeckige, laute Hupe zu testen.
 In der Theorie, dass durften wir ja intensiv erfahren, gibt es nur geringe Unterschiede zu den Verkehrsregeln in Europa. In der Praxis, scheint sich das jedoch nicht rumgesprochen zu haben. Die inzwischen im amerikanischen Stil zum Teil 6 spurig ausgebauten Strassen werden auf voller Breite genutzt. Ueberholt wird rechts und links, immer dort wo gerade eine freie Luecke entstanden ist. Das Fahren erfordert staendig hohe Konzentration und alle sieben Sinne, um zu erahnen was der vor, hinter oder neben einem Fahrende beabsichtigt zu tun. Ich nehme jede kleinste Veraenderung in der Bewegung meines Vorgaengers oder Nachbarfahrzeuges wahr. Jeden Moment kann er nach rechts oder links ausweichen, unvermittelt auf die Bremse treten oder eine Wende einleiten. Am gefaehrlichsten sind die Taxis, gleich nach den Bussen. Sobald sie einen am Strassenrand winkenden potentiellen Fahrgast erblicken, steuern sie unvermittelt auf ihn zu und bleiben meist verkehrsbehindernd mitten auf der Strasse stehen. Was natuerlich empoertes Gehupe von allen anderen Verkehrsteilnehmern ausloest und absolut vergeblich geschieht. Von rechts kommend biegen Fahrzeuge aller Art ohne stehenzubleiben oder sich um die Verkehrssituation kuemmernd mit hohem Tempo in den fliessenden Verkehr ein. Der Blinker wird dabei umgekehrt proportional zum Einsatz der Hupe eher selten verwendet. 

Auf der schmalen gewundenen Zufahrtstrasse zu unserem Betrieb hatte ich schon frueh mein erstes Schluesselerlebnis. Ein Fahrradfahrer kam mit hohem Tempo aus einer Dorfgasse nach links einbiegend angeschossen ohne auf mich zu achten und schrammte unsanft an meiner Fahrertuer entlang. Gott sei Dank entstand nur leichter Sachschaden an meinem Audi 100. Aber es war mir eine Lehre, immer und zu jeder Zeit auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein.   Die in an jedem modernen Fahrzeug vorhandenen zwei Aussenspiegel und der Innenspiegel scheinen eher ein ueberfluessiges Ausstattungsmerkmal zu sein. Chinesische Fahrer haben schon ausreichend damit zu tun, sich auf die vor ihnen liegende Situation und das Spur halten zu konzentrieren. Da bleibt keine Zeit, sich auch noch um den Rueckwaertigen Verkehr zu kuemmern. Der Hintermann muss halt aufpassen. Im Uebrigen trifft den Auffahrenden immer Teilschuld. Konzentriert oder in Gedanken versunken, dass laesst sich nicht immer mit Gewissheit sagen, klammert sich der Fahrer eng an das grosse Lenkrad, ueber welches die meisten gerade so hinwegblicken koennen. Das Gesichtsfeld ist stark eingeschraenkt, sodass er kaum wahrnimmt was rechts und links von ihm geschieht. Staendig wird die Bremse betaetigt. Der hoch entwickelte 4- oder gar 6-Zylinder Motor wird permanent untertourig gefahren. Jedem halbwegs technisch begeisterten Beobachter tut das in der Seele weh. Angefahren wird im zweiten Gang und sobald die Raeder rollen in den vierten hochgeschaltet. Muehsam quaelt sich der Wagen die ansteigende Auffahrt zur Schnellstrasse hoch und zwingt dem nachfolgenden deutschen Fahrer viel Geduld auf. Ich habe einmal einen Fachmann gefragt, ob der Motor dabei auf die Dauer nicht schaden nimmt und man besondere technische Massnahmen ergriffen haette, dem Rechnung zu tragen. Die Frage wurde verneint. Die deutschen Maschinen scheinen sehr robust gebaut zu sein. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass ein deutscher Hersteller von LKW-Aufbauten nicht soviel Glueck hatte. Da die LKW’s grundsaetzlich total ueberladen werden, hielt die den gesetzlichen Auflagen folgend schon mit grossen Sicherheitspuffern ausgelegte Konstruktion dem praktischen Einsatz nicht stand. Die Folge war ein schlechtes Image des deutschen Herstellers bei Kunden und dem chinesischen Partner. Mit viel Kostenaufwand musste nachgebessert werden.

Fortsetzung: Fahren im Chaos (3)

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