Fahren im Chaos (4)
Der Charakter eines Menschen offenbart sich oft unverfaelschlich in seinem Fahrverhalten. Die Deutschen gelten ja gemeinhin als agressive und schnelle Fahrer. Letzteres ist eine Leidenschaft, die wir aufgrund eines der weltbesten Autobahnnetze gelernt haben auszuleben. Dagegen duerfen wir uns zu den Chorknaben zaehlen, wenn wir unsere ausgelebte Persoenlichkeit im Strassenverkehr mit Chinesen vergleichen. In China hat sich eine zunehmend angriffs- uns streitlustige Ellbogengesellschaft entwickelt. Jeder will der Erste sein. Egal ob an der Bushaltestelle, an der U-Bahn Station oder auf der Strasse. Ruecksichtlos draengt jeder nach vorn. Ausnahmen bestaetigen nur die Regel. Dies gilt insbesondere im Umgang mit Auslaendern, denen man noch ueberwiegend freundlich und hilfsbereit entgegen tritt. Nicht jedoch auf der ‚Rennstrecke’ durch Stadt und Land. Hier gilt ausnahmslos das Gesetz des Staerkeren. Jede noch so kleine Luecke wird hemmungslos ausgenutzt, um sich reinzuschieben, dabei den Hintermann knapp zu schneiden und seine Position um einen Platz zu verbessern. Anschliessend wird die Position mit allen zur Verfuegung stehenden Mitteln verteidigt, bis sich die naechste Moeglichkeit auf der rechten oder linken Fahrspur ergibt, weitere Plaetze gut zu machen. Das Einfaedeln ueber zweispurige Auffahrten in die Schnellstrassen und Stadtautobahnen gestaltet sich zu einem kompromisslosen Machtkampf der motorisierten Gladiatoren. Kotfluegel an Kotfluegel wird das eigene Gefaehrt vorwaerts getrieben und darauf geachtet, dass der Gegner keine Chance bekommt, sich vorbeizuschieben. So treibt man ohne Stop in den fliessenden Verkehr ein und verursacht die taeglichen Staus, die in Shanghai nahezu von morgens bis spaet in die Nacht das Strassenbild dominieren. Die Konsequenzen dieser Fahrweise lassen nicht lange auf sich warten: Blech schrammt Blech, Aussenspiegel brechen mit kurzem Knack ab, Stossstangen bemuehen sich das Schlimmste zu verhindern, um schliesslich mit lauten Knall wegzubrechen. Fahrzeuge werden in die Leitplanken oder obendrauf geschoben, ueberschlagen sich und gehen in Flammen auf. Letzteres Erlebnis hatte ich auf dem Weg zum Flughafen, wo wir unseren Nachtflug nach Deutschland erreichen wollten. Auf verkehrsarmer 4-spuriger Autobahn fuhren zwei, wohlmoeglich uebermuedete, Taxifahrer ineinander, woraufhin die Fahrzeuge in Sekundenschnelle lichterloh brannten. An Vorbeifahren war nicht zu denken, alle Spuren waren kurzerhand blockiert. Neugierige Zuschauer schiessen in diesen Faellen wie Pilze aus dem Boden. Relativ schnell waren Polizei, Notarzt- und Abschleppwagen zur Stelle und begannen mit der Raeumung. Es sei nachgetragen, dass wir unseren Flieger dennoch in letzter Minute erreichten. Eine besondere Augenweide stellt das Linksabbiegen gegen den entgegenkommenden Verkehr dar. Auch hier gilt, wer zuerst kommt, malt zuerst. Eine groessere Luecke oder das verspaetete Anfahren an der Ampel wird unverzueglich ausgenutzt, um hineinzustossen und die anvisierte Seitenstrasse zu erreichen. Im Allgemeinen, meist an Ampelkreuzungen, fuehrt dies zunaechst zum Stoppen des Geradeausverkehrs, da sich unmittelbar an den Vordermann alle uebrigen Linksabbieger einreihen und die Strasse blockieren. Die besonders vor und waehrend Feiertagen vermehrt auftretenden Verkehrspolizisten schauen diesem Wettkampf gelassen und uninteressiert zu.
Selbst wenn der Querverkehr aufgrund von Behinderungen die Kreuzung waehrend der letzen Ampelphase nicht raeumen konnte, nutzen ‚Mann’ wie ‚Frau’ das auf Gruen umschaltende Startsignal, um sich sofort einen der besten Plaetze mitten auf der Drehscheibe zu sichern. Jede Moeglichkeit sich an den bereits stehenden Fahrzeugen vorbeizudraengen wird dabei ausgelotet und wahrgenommen. Mit lautem Hupen wird nun der von der Gegenseite antretende Eindringling zum Freimachen des Weges aufgefordert. Dieser antwortet ebenfalls mit einem langanhaltenden Dauerton und ruehrt sich keinen Zentimeter. Es kommt einem Wunder gleich, dass sich ein solches Blechknaeuel schliesslich doch noch aufloest und jeder stoisch seines Weges faehrt.
Unfaelle passieren taeglich zahlreiche in dieser 15 Millionen Stadt. Nicht selten mit toedlichem Ausgang. Dennoch hat man nicht den Eindruck es seien ueberdurchschnittlich mehr als in anderen europaeischen Staedten. Das Eintauchen in dieses Gewimmel von Fahrzeugen, Fahrraedern, Motorraedern und Fussgaengern gleicht dem Eindringen in einen Fischschwarm. Man schiebt sein Gefaehrt stetig vorwaerts waehrend alle anderen Verkehrsteilnehmer unbeirrt um einen herumfliessen.