Fahren im Chaos (3)

Der Grund fuer das untertourige Fahren, hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Offensichtlich ist man hier der Meinung, das diese Fahrweise besonders oekonomisch ist. Eine weitere praktizierte Verhaltensweise Sprit zu sparen, ist das Nichteinschalten der Lichtanlage bei Nacht und schlechten Wetterbedingungen wie Nebel oder starkem Regen. Dies gilt insbesondere fuer Taxis, oeffentliche Busse und LKW’s, egal wie gut oder schlecht die Sicht ist. Urploetzlich taucht aus dem Nichts ein unbeleuchteter liegengebliebener Bus oder Laster mitten auf der Strasse stehend auf. Nur aufgrund meiner 30-jaehrigen Erfahrung und hoch angespannten Sinnen gelingt es mir das Hinderniss zu umfahren. Wenn nicht ausgeschaltet, dann sind die Rueckleuchten mit Dreck und Schlamm zugekleistert oder nach dem letzten Auffahrunfall nicht mehr repariert worden. Wen stoert’s? An Fahrraedern fehlt gleich die komplette Lichtanlage, denn sie gehoert nicht zur Grundausstattung und die Kraftraeder verzichten meist auch auf die stoerende, aufhellende Strahlung. Wenn aus einem oeffentlichen, bis zum geht-nicht-mehr vollgepackten Bus urploetzlich ein hagerer, kurzer Arm auf und ab schwenkend erscheint, heisst das nichts anderes als dass die Blinkeranlage auch nicht funktioniert und der Busfahrer beabsichtigt abzubiegen. Das Bremslicht hatte ohnehin schon den Dienst versagt. Jetzt glauben Sie wohl den Grund hierfuer erkannt zu haben: Kein Wunder in diesem unterentwickelten Land gibt es keinen Technischen Ueberwachungsverein. Weit gefehlt. Spaetestens alle zwei Jahre, unser Fuhrpark sogar jedes Jahr, muss das Fahrzeug zur technischen Ueberpruefung vorgestellt werden. Die strengen Auflagen gelten aber offensichtlich nur fuer Auslaender und fremdfinanzierte Unternehmen, die sich an die Vorschriften halten. Anderenfalls muessten mindestens 60%-70% der Fahrzeuge aus dem Verkehr und die meisten davon wohl stillgelegt werden. Das ist einfach nicht machbar. Stellen doch die zahlreichen Transportmittel eine wesentliche Lebensgrundlage fuer viele Menschen dar. Die pragmatisch eingestellte chinesische Regierung packt das Problem von einer anderen Seite an. Nahezu ueber Nacht wird eine technisch ueberalterte Fahrzeuggeneration durch eine modernere ersetzt. Das laesst sich am einfachsten bei den Taxiunternehmen, die auch heute noch in den meisten Regionen und Staedten das Strassenbild beherrschen, umsetzen. 1998 wurden urploetzlich alle Minitransporter aus dem Verkehr gezogen und durch den kleinen, kompakten Xiali ersetzt. Wir nannten diese Kleintransporter ‚Toaster’, das sie schmal aber hoch gebaut waren und neben den Fahrgaesten auch noch Platz fuer das mitgeschleppte Fahrrad oder Moped boten. Ein paar Jahre spaeter wurde der meist rote Xiali durch einen modernen Santana ersetzt. Nur bei den Lastkraftwagen setzt man wohl auf die naturgegebene Zerfallzeit des Materials und laesst sie weiter mit gebrochenen Achsen, abgefahrenen Profilen und mangelhaften Bremsanlagen ihre schwarzen, stinkenden Pestwolken in die Atmosphaere blasen.Der hohen Luftverschmutzung in den Staedten wird durchaus grosse Aufmerksamkeit seitens der Regierung beigemessen. Mobile Messfahrzeuge sind regelmaessig im Einsatz und ermitteln den Verschmutzungsgrad in der Luft. Auch die Laermbelaestung in verkehrsreichen Ballungszentren wird deutlich sichtbar auf grossen elektronischen Tafeln angezeigt. Die Erhebungen werden monatlich in der ‚China Daily’ veroeffentlicht. Abhilfe wuerden sicher auf dem neuesten technischen Stand stehende Russpartikelfilter und Katalysatoren schaffen. Diese halten dem qualitativ schlechten Diesel und Benzin jedoch nicht lange stand und somit wuerde diese Investition schnell in ihrer Wirkung verpufft sein. In Vorbereitung der olympischen Spiele 2008 in Peking hat man daher das ungeliebte Sonntagsfahrverbot getestet. Mit maessigem Erfolg.

Fortsetzung: Fahren im Chaos (4)

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