Archive for Februar, 2008

Fahren im Chaos (5)

Mittwoch, Februar 13th, 2008

Es mag dem an deutsche Ordnung und zivilisierten Verkehr gewohnten Leser schwer verstaendlich sein, aber es bleibt nicht aus, dass sich mit der Zeit eine gewisse Frustration und Erregung ihren luft- und in selten schweren Faellen, handgreiflich befreienden Weg sucht.
Anfangs versucht man die Situation noch mit angelernter Gelassen- und Ueberlegenheit zu meistern. Allmaehlich steigert sich jedoch der Erregungszustand. Der Blutdruck nimmt stetig unter dem Einfluss des ansteigenden Adrenalinspiegels zu, die Halschlagader schwillt, weisse, blutleere Knoechel umkrampfen das Lenkrad, angespannte Lippen pressen unmaechtig der langsam verlierenden Beherrschung ausgesetzt aufeinander. Und schliesslich entlaedt sich die brodelnde, ueber Wochen, Monate und Jahre aufgestaute Wut mit einem kraftvollen „Du Arschloch!“, „Dumme Kuh“, „Hast Du keine Augen im Kopf?“, „Du hast den Fuehrerschein wohl auf dem Jahrmarkt gekauft!“ – Das ist im uebrigen gar nicht von der Hand zu weisen. Der Sohn eines stadtbekannten Beamten, offeriert gegen einen soliden Aufpreis das Bestehen jeder Fahrpruefung beim ersten Anlauf. –  Eine Kanonade englischer, deutscher und selbst chinesicher Schimpfwoerter bahnt sich kreischend ihren Weg durch das noch geschlossene Beifahrerfenster, dass man in der Aufregung uebersehen hat. Nicht nur das wie jedem distinguierten und sich unter Kontrolle haltenden Beobachter dieser Szenen der allzu menschliche Ausbruch unangemessen und nicht zum Ziel fuehrend erscheint. Er verfehlt in jeder Hinsicht seinen Zweck dem Angesprochenen gegenueber, der seinen Blick stur, teilnahmslos und ignorant geradeaus gerichtet haelt. Zurueck bleiben ein Zustand von Erschoepfung, Machtlosigkeit und ausgeliefert sein. An einer Ausfahrt spielte sich einmal folgende Szene ab: Ein erregter auslaendischer Fahrer hatte sich an der Abfahrt vor ein anderes Fahrzeug gesetzt und es zum Stehen gebracht. Entschlossen stieg er aus seinem Auto und hechtete zu dem wartenden Fahrer hinueber. Mit einem Ruck riss er die Fahrertuer weit auf und verpasste dem im Wagen sitzenden verdutzt Dreinblickenden einen kraftvollen Hieb auf dessen Nasenwurzel. Ohne weitere Diskussion kehrte er gelassen zu seinem eigenen Fahrzeug zurueck und setzte ohne Hast seinen Weg fort. Unglaublich? Aber wahr. In einem Handbuch fuer Manager habe ich einmal gelesen, dass sich eine Fuehrungskraft nach nur dreijaehrigem Aufenthalt in China oeffentlich das Leben nehmen wollte. Damals, noch bevor ich nach China ging, hielt ich diese Geschichte fuer eine freierfundene, unglaubliche Anekdote. Heute kann ich es nachvollziehen.

Fazit Die Beschreibung der Verkehrssituation, so ungewohnt es erscheinen mag, spielt sich taeglich auf den Strassen China’s so ab. Meines Wissens nach, ist es nur in Mumbai, Indien noch schlimmer. Dies muss den erfahrenen Fuehrerscheininhaber aber nicht abhalten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Ich fahre seit mehr als 10 Jahren taeglich selbst mit meinem Wagen in der Stadt und ueber Land. Meine Frau, die einen zweckmaessigen Beijing Jeep fuhr, stand dem vom ersten Tag an in nichts nach. „If you are in Rome, do as the Romans do!” lautet eine alte Regel im Ausland. Wenn man sich dem Verhalten der Lokalmatadoren anpasst, es ihnen gleich tut und die noetige Aufmerksamkeit an den Tag legt, wird man ohne Schwierigkeiten zurechtkommen. Fahrradfahren oder gar mit einem Motorrad, fuer Privatbesitzer gesetzlich auf 120 ccm begrenzt, ist ungleich gefaehrlicher. Taxifahren muss ebenfalls nicht notwendiger Weise die sichere Alternative sein. Taxifahrer verdienen wenig und fahren nicht selten mehr als 14 Stunden in einer Schicht. Ich habe nicht nur einen Taxifahrer erlebt, der waehrend der Fahrt einfach eingeschlafen ist. Ueberdies reicht die allgemeine Fahrschulausbildung bei weitem nicht an das in Deutschland gewohnte Ausbildungsniveau heran. Die ueberwiegende Zahl der Fahrstunden wird auf einem abgesperrten Uebungsplatz absolviert. Nur wenige Fahrschueler trainieren im wirklichen Berufsverkehr, bevor sie ihren Fuehrerschein erhalten.

Fahren im Chaos (4)

Mittwoch, Februar 13th, 2008

Der Charakter eines Menschen offenbart sich oft unverfaelschlich in seinem Fahrverhalten. Die Deutschen gelten ja gemeinhin als agressive und schnelle Fahrer. Letzteres ist eine Leidenschaft, die wir aufgrund eines der weltbesten Autobahnnetze gelernt haben auszuleben. Dagegen duerfen wir uns zu den Chorknaben zaehlen, wenn wir unsere ausgelebte Persoenlichkeit im Strassenverkehr mit Chinesen vergleichen. In China hat sich eine zunehmend angriffs- uns streitlustige Ellbogengesellschaft entwickelt. Jeder will der Erste sein. Egal ob an der Bushaltestelle, an der U-Bahn Station oder auf der Strasse. Ruecksichtlos draengt jeder nach vorn. Ausnahmen bestaetigen nur die Regel. Dies gilt insbesondere im Umgang mit Auslaendern, denen man noch ueberwiegend freundlich und hilfsbereit entgegen tritt. Nicht jedoch auf der ‚Rennstrecke’ durch Stadt und Land. Hier gilt ausnahmslos das Gesetz des Staerkeren. Jede noch so kleine Luecke wird hemmungslos ausgenutzt, um sich reinzuschieben, dabei den Hintermann knapp zu schneiden und seine Position um einen Platz zu verbessern. Anschliessend wird die Position mit allen zur Verfuegung stehenden Mitteln verteidigt, bis sich die naechste Moeglichkeit auf der rechten oder linken Fahrspur ergibt, weitere Plaetze gut zu machen. Das Einfaedeln ueber zweispurige Auffahrten in die Schnellstrassen und Stadtautobahnen gestaltet sich zu einem kompromisslosen Machtkampf der motorisierten Gladiatoren. Kotfluegel an Kotfluegel wird das eigene Gefaehrt vorwaerts getrieben und darauf geachtet, dass der Gegner keine Chance bekommt, sich vorbeizuschieben. So treibt man ohne Stop in den fliessenden Verkehr ein und verursacht die taeglichen Staus, die in Shanghai nahezu von morgens bis spaet in die Nacht das Strassenbild dominieren. Die Konsequenzen dieser Fahrweise lassen nicht lange auf sich warten: Blech schrammt Blech, Aussenspiegel brechen mit kurzem Knack ab, Stossstangen bemuehen sich das Schlimmste zu verhindern, um schliesslich mit lauten Knall wegzubrechen. Fahrzeuge werden in die Leitplanken oder obendrauf geschoben, ueberschlagen sich und gehen in Flammen auf. Letzteres Erlebnis hatte ich auf dem Weg zum Flughafen, wo wir unseren Nachtflug nach Deutschland erreichen wollten. Auf verkehrsarmer 4-spuriger Autobahn fuhren zwei, wohlmoeglich uebermuedete, Taxifahrer ineinander, woraufhin die Fahrzeuge in Sekundenschnelle lichterloh brannten. An Vorbeifahren war nicht zu denken, alle Spuren waren kurzerhand blockiert. Neugierige Zuschauer schiessen in diesen Faellen wie Pilze aus dem Boden. Relativ schnell waren Polizei, Notarzt- und Abschleppwagen zur Stelle und begannen mit der Raeumung. Es sei nachgetragen, dass wir unseren Flieger dennoch in letzter Minute erreichten. Eine besondere Augenweide stellt das Linksabbiegen gegen den entgegenkommenden Verkehr dar. Auch hier gilt, wer zuerst kommt, malt zuerst. Eine groessere Luecke oder das verspaetete Anfahren an der Ampel wird unverzueglich ausgenutzt, um hineinzustossen und die anvisierte Seitenstrasse zu erreichen. Im Allgemeinen, meist an Ampelkreuzungen, fuehrt dies zunaechst zum Stoppen des Geradeausverkehrs, da sich unmittelbar an den Vordermann alle uebrigen Linksabbieger einreihen und die Strasse blockieren. Die besonders vor und waehrend Feiertagen vermehrt auftretenden Verkehrspolizisten schauen diesem Wettkampf gelassen und uninteressiert zu.
Selbst wenn der Querverkehr aufgrund von Behinderungen die Kreuzung waehrend der letzen Ampelphase nicht raeumen konnte, nutzen ‚Mann’ wie ‚Frau’ das auf Gruen umschaltende Startsignal, um sich sofort einen der besten Plaetze mitten auf der Drehscheibe zu sichern. Jede Moeglichkeit sich an den bereits stehenden Fahrzeugen vorbeizudraengen wird dabei ausgelotet und wahrgenommen. Mit lautem Hupen wird nun der von der Gegenseite antretende Eindringling zum Freimachen des Weges aufgefordert. Dieser antwortet ebenfalls mit einem langanhaltenden Dauerton und ruehrt sich keinen Zentimeter. Es kommt einem Wunder gleich, dass sich ein solches Blechknaeuel schliesslich doch noch aufloest und jeder stoisch seines Weges faehrt.

Unfaelle passieren taeglich zahlreiche in dieser 15 Millionen Stadt. Nicht selten mit toedlichem Ausgang. Dennoch hat man nicht den Eindruck es seien ueberdurchschnittlich mehr als in anderen europaeischen Staedten. Das Eintauchen in dieses Gewimmel von Fahrzeugen, Fahrraedern, Motorraedern und Fussgaengern gleicht dem Eindringen in einen Fischschwarm. Man schiebt sein Gefaehrt stetig vorwaerts waehrend alle anderen Verkehrsteilnehmer unbeirrt um einen herumfliessen.

Fortsetzung: Fahren im Chaos (5)

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