Fahren im Chaos (5)

Es mag dem an deutsche Ordnung und zivilisierten Verkehr gewohnten Leser schwer verstaendlich sein, aber es bleibt nicht aus, dass sich mit der Zeit eine gewisse Frustration und Erregung ihren luft- und in selten schweren Faellen, handgreiflich befreienden Weg sucht.
Anfangs versucht man die Situation noch mit angelernter Gelassen- und Ueberlegenheit zu meistern. Allmaehlich steigert sich jedoch der Erregungszustand. Der Blutdruck nimmt stetig unter dem Einfluss des ansteigenden Adrenalinspiegels zu, die Halschlagader schwillt, weisse, blutleere Knoechel umkrampfen das Lenkrad, angespannte Lippen pressen unmaechtig der langsam verlierenden Beherrschung ausgesetzt aufeinander. Und schliesslich entlaedt sich die brodelnde, ueber Wochen, Monate und Jahre aufgestaute Wut mit einem kraftvollen „Du Arschloch!“, „Dumme Kuh“, „Hast Du keine Augen im Kopf?“, „Du hast den Fuehrerschein wohl auf dem Jahrmarkt gekauft!“ – Das ist im uebrigen gar nicht von der Hand zu weisen. Der Sohn eines stadtbekannten Beamten, offeriert gegen einen soliden Aufpreis das Bestehen jeder Fahrpruefung beim ersten Anlauf. –  Eine Kanonade englischer, deutscher und selbst chinesicher Schimpfwoerter bahnt sich kreischend ihren Weg durch das noch geschlossene Beifahrerfenster, dass man in der Aufregung uebersehen hat. Nicht nur das wie jedem distinguierten und sich unter Kontrolle haltenden Beobachter dieser Szenen der allzu menschliche Ausbruch unangemessen und nicht zum Ziel fuehrend erscheint. Er verfehlt in jeder Hinsicht seinen Zweck dem Angesprochenen gegenueber, der seinen Blick stur, teilnahmslos und ignorant geradeaus gerichtet haelt. Zurueck bleiben ein Zustand von Erschoepfung, Machtlosigkeit und ausgeliefert sein. An einer Ausfahrt spielte sich einmal folgende Szene ab: Ein erregter auslaendischer Fahrer hatte sich an der Abfahrt vor ein anderes Fahrzeug gesetzt und es zum Stehen gebracht. Entschlossen stieg er aus seinem Auto und hechtete zu dem wartenden Fahrer hinueber. Mit einem Ruck riss er die Fahrertuer weit auf und verpasste dem im Wagen sitzenden verdutzt Dreinblickenden einen kraftvollen Hieb auf dessen Nasenwurzel. Ohne weitere Diskussion kehrte er gelassen zu seinem eigenen Fahrzeug zurueck und setzte ohne Hast seinen Weg fort. Unglaublich? Aber wahr. In einem Handbuch fuer Manager habe ich einmal gelesen, dass sich eine Fuehrungskraft nach nur dreijaehrigem Aufenthalt in China oeffentlich das Leben nehmen wollte. Damals, noch bevor ich nach China ging, hielt ich diese Geschichte fuer eine freierfundene, unglaubliche Anekdote. Heute kann ich es nachvollziehen.

Fazit Die Beschreibung der Verkehrssituation, so ungewohnt es erscheinen mag, spielt sich taeglich auf den Strassen China’s so ab. Meines Wissens nach, ist es nur in Mumbai, Indien noch schlimmer. Dies muss den erfahrenen Fuehrerscheininhaber aber nicht abhalten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Ich fahre seit mehr als 10 Jahren taeglich selbst mit meinem Wagen in der Stadt und ueber Land. Meine Frau, die einen zweckmaessigen Beijing Jeep fuhr, stand dem vom ersten Tag an in nichts nach. „If you are in Rome, do as the Romans do!” lautet eine alte Regel im Ausland. Wenn man sich dem Verhalten der Lokalmatadoren anpasst, es ihnen gleich tut und die noetige Aufmerksamkeit an den Tag legt, wird man ohne Schwierigkeiten zurechtkommen. Fahrradfahren oder gar mit einem Motorrad, fuer Privatbesitzer gesetzlich auf 120 ccm begrenzt, ist ungleich gefaehrlicher. Taxifahren muss ebenfalls nicht notwendiger Weise die sichere Alternative sein. Taxifahrer verdienen wenig und fahren nicht selten mehr als 14 Stunden in einer Schicht. Ich habe nicht nur einen Taxifahrer erlebt, der waehrend der Fahrt einfach eingeschlafen ist. Ueberdies reicht die allgemeine Fahrschulausbildung bei weitem nicht an das in Deutschland gewohnte Ausbildungsniveau heran. Die ueberwiegende Zahl der Fahrstunden wird auf einem abgesperrten Uebungsplatz absolviert. Nur wenige Fahrschueler trainieren im wirklichen Berufsverkehr, bevor sie ihren Fuehrerschein erhalten.

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