Fahren im Chaos (2)

Auf den Strassen Jinan’s, 1997, bewegte sich alles was Raeder hatte oder mindestens zwei Beine. Fahrraeder, oft weit ueber die Koerpergroesse des Fahrers hoch hinaus und auf beiden Seiten des Gepaecktraegers mit allerlei Waren und Guetern beladen oder als Personentaxi benutzt. Kraftraeder aller Art und Zwei-Takter Traktoren, die stinkende Abgase in die Luft schleudern, Mulis vor Karren gespannt, ausgemergelte, drahtige Chinesen, die schwere Handkarren mit Ziegelsteinen, Schaumstoffen oder Wasserbehaeltern durch die neuangelegten Strassen zogen.
Die engen, schlecht gepflasterten Buergersteige treiben auch die Fussgaenger auf die bequemere Strasse. Voellig ungestoert von dem brodelnden, stinkenden, lauten Verkehr um sie herum, laufen sie natuerlich nicht hinter- sondern zu Dritt und mehr nebeneinander sorglos in ihr Gespraech vertieft. Ein ununterbrochenes Hupen schallte von der Strasse zu unserem Zimmer im 26. Stock des YuQuan Hotels hoch, in dem wir die ersten Wochen nach unserer Ankunft verbrachten. Das Hupen wurde erst Jahre spaeter in den Grossstaedten wie Shanghai beginnend verboten. Allerdings ist es als wollten Sie dem Einarmigen auch noch den verblieben Arm festbinden oder das Atmen verbieten. Ohne Hupe ist das Fahrzeug kaum zu bewegen. Waehrend das Funktionieren der Lichtanlage oder der Zustand der Bremsen voellig nebensaechlich sind, ist die Hupe unabdingbar fuer den Fahrer. Egal ob notwendig oder nicht, vorsichtshalber wird erstmal gehupt. Man weiss ja nie. Weil das vorausfahrende Fahrzeug nur im Schritttempo schleicht oder staendig auf der Bremse steht oder ohne Anzeige die Spur wechselt oder an der Ampel das gruene Licht verschlaeft, es gibt immer einen guten Grund die quaeckige, laute Hupe zu testen.
 In der Theorie, dass durften wir ja intensiv erfahren, gibt es nur geringe Unterschiede zu den Verkehrsregeln in Europa. In der Praxis, scheint sich das jedoch nicht rumgesprochen zu haben. Die inzwischen im amerikanischen Stil zum Teil 6 spurig ausgebauten Strassen werden auf voller Breite genutzt. Ueberholt wird rechts und links, immer dort wo gerade eine freie Luecke entstanden ist. Das Fahren erfordert staendig hohe Konzentration und alle sieben Sinne, um zu erahnen was der vor, hinter oder neben einem Fahrende beabsichtigt zu tun. Ich nehme jede kleinste Veraenderung in der Bewegung meines Vorgaengers oder Nachbarfahrzeuges wahr. Jeden Moment kann er nach rechts oder links ausweichen, unvermittelt auf die Bremse treten oder eine Wende einleiten. Am gefaehrlichsten sind die Taxis, gleich nach den Bussen. Sobald sie einen am Strassenrand winkenden potentiellen Fahrgast erblicken, steuern sie unvermittelt auf ihn zu und bleiben meist verkehrsbehindernd mitten auf der Strasse stehen. Was natuerlich empoertes Gehupe von allen anderen Verkehrsteilnehmern ausloest und absolut vergeblich geschieht. Von rechts kommend biegen Fahrzeuge aller Art ohne stehenzubleiben oder sich um die Verkehrssituation kuemmernd mit hohem Tempo in den fliessenden Verkehr ein. Der Blinker wird dabei umgekehrt proportional zum Einsatz der Hupe eher selten verwendet. 

Auf der schmalen gewundenen Zufahrtstrasse zu unserem Betrieb hatte ich schon frueh mein erstes Schluesselerlebnis. Ein Fahrradfahrer kam mit hohem Tempo aus einer Dorfgasse nach links einbiegend angeschossen ohne auf mich zu achten und schrammte unsanft an meiner Fahrertuer entlang. Gott sei Dank entstand nur leichter Sachschaden an meinem Audi 100. Aber es war mir eine Lehre, immer und zu jeder Zeit auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein.   Die in an jedem modernen Fahrzeug vorhandenen zwei Aussenspiegel und der Innenspiegel scheinen eher ein ueberfluessiges Ausstattungsmerkmal zu sein. Chinesische Fahrer haben schon ausreichend damit zu tun, sich auf die vor ihnen liegende Situation und das Spur halten zu konzentrieren. Da bleibt keine Zeit, sich auch noch um den Rueckwaertigen Verkehr zu kuemmern. Der Hintermann muss halt aufpassen. Im Uebrigen trifft den Auffahrenden immer Teilschuld. Konzentriert oder in Gedanken versunken, dass laesst sich nicht immer mit Gewissheit sagen, klammert sich der Fahrer eng an das grosse Lenkrad, ueber welches die meisten gerade so hinwegblicken koennen. Das Gesichtsfeld ist stark eingeschraenkt, sodass er kaum wahrnimmt was rechts und links von ihm geschieht. Staendig wird die Bremse betaetigt. Der hoch entwickelte 4- oder gar 6-Zylinder Motor wird permanent untertourig gefahren. Jedem halbwegs technisch begeisterten Beobachter tut das in der Seele weh. Angefahren wird im zweiten Gang und sobald die Raeder rollen in den vierten hochgeschaltet. Muehsam quaelt sich der Wagen die ansteigende Auffahrt zur Schnellstrasse hoch und zwingt dem nachfolgenden deutschen Fahrer viel Geduld auf. Ich habe einmal einen Fachmann gefragt, ob der Motor dabei auf die Dauer nicht schaden nimmt und man besondere technische Massnahmen ergriffen haette, dem Rechnung zu tragen. Die Frage wurde verneint. Die deutschen Maschinen scheinen sehr robust gebaut zu sein. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass ein deutscher Hersteller von LKW-Aufbauten nicht soviel Glueck hatte. Da die LKW’s grundsaetzlich total ueberladen werden, hielt die den gesetzlichen Auflagen folgend schon mit grossen Sicherheitspuffern ausgelegte Konstruktion dem praktischen Einsatz nicht stand. Die Folge war ein schlechtes Image des deutschen Herstellers bei Kunden und dem chinesischen Partner. Mit viel Kostenaufwand musste nachgebessert werden.

Fortsetzung: Fahren im Chaos (3)

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