Fahren im Chaos (1)
Sonntag, Januar 27th, 2008
Ich habe einige Bekannte und Freunde, die wie ich, ueber 10 Jahre in China leben und arbeiten. Die wenigsten koennen sich mit den vorherrschenden Unzulaenglichkeiten, denen wir tagtaeglich ausgesetzt sind, abfinden. „Jetzt lebe ich schon so lange hier, aber manchmal habe ich das Gefuehl, ich habe diese Menschen noch immer nicht begriffen“, das hoert man immer wieder. Dabei ist sicher ein Manko, dass ich die Sprache nur unzureichend beherrsche. Es reicht gerade, die wichtigsten Grundbeduerfnisse auszudruecken. Vieles erschliesst sich mir waehrend eines Gespraeches aus dem Kontext. Das ueberrascht dann meine Mitarbeiter und Partner, die vermuten nach so viel Jahren versteht der ‚Lao Wei’ (Auslaender) mehr als er zugeben will. Sie halten uns Fremde doch vielfach fuer beschraenkt und koennen sich nicht vorstellen, dass sich aus wenigen bekannten Woertern der Sinn des Gesagten ergibt. Ich habe diese Erfahrung haeufig gemacht. Dies ist auch ein wesentlicher Unterschied in der Qualitaet auslaendischer und lokaler Mitarbeiter. Kombinatorik oder die Anwendung einer Loesung auf ein aehnliches Problem gehoert im Allgemeinen nicht zu den ausgepraegten Staerken lokaler Mitarbeiter. Aber auf diese Thematik gehe ich ein anderes mal ein.
Eine weitere Moeglichkeit die Landsleute naeher kennenzulernen, bietet sich im Strassenverkehr. Ein hervorragendes Terrain des Studienzwecks.Ich habe meinen chinesischen Fuehrerschein bereits kurz nach Eintreffen in meiner ersten Wirkungsstaette, in Jinan, Shandong Provinz, erworben. Der internationale Fuehrerschein galt damals nicht und sollte bei Empfang des nationalen Scheins abgegeben werden. Ich habe meine internationale Lizens behalten. Es ging auch so. Es gibt immer einen anderen Weg.
Aehnlich verlief es mit der Fuehrerscheinpruefung. Zunaechst muss man sich einer Gesundheitspruefung unterziehen: Wiegen, Groesse messen, Augentest, Hoertest. Beim Augentest musste man unter anderem in ein Geraet schauen, in dem nach einander die Ampelfarben dargestellt wurden – Test auf Farbblindheit. Das ‚Rot’ sah allerdings eher ‚Organge’ aus. So insistierte meine Frau denn auch im Vollbesitz ausgezeichneter Sehfaehigkeit, das es sich nicht um Rot, sonder Orange handelt. Nur dem geduldigen wiederholten Fragen der Beamtin, ob nicht eventuell die Farbe ‚Rot’ angezeigt werde und meiner eindringlichen Aufforderung nun endlich ‚rot’ zu sagen, haben wir es zu verdanken, dass wir den Test bestanden haben. Als naechstes fragte mich mein Fuhrparkleiter, der uns als Uebersetzer und Berater begleitete, ob ich nun die theoretische Pruefung ablegen wolle. Ich beantwortete die Frage mit dem Hinweis auf meine mehr als 24-jaehrige Fahrpraxis in allen Teilen der Welt, ob Links- oder Rechtsverkehr, und der Fall war erledigt. 1 Woche spaeter erhielten wir beide unsere neuen Fuehrerscheine.
Damals existierten die Frageboegen noch ausschliesslich in chinesischer Sprache. Der mitgebrachte Uebersetzer erlaueterte einem die Fragen und setzte das Kreuz an der angewiesenen Stelle. In der Regel erhielt man allerdings einen bereits ausgefuellten Bogen als Vorlage und der Mitarbeiter befleissigte sich nun die vorgegebenen Antworten zu kopieren. – ‚Kopieren’ zaehlt auf jeden Fall zu den Staerken der hiesigen Landsleute. – Wir hatten 3 Jahre spaeter einmal das Vergnuegen uns dieser Prozedur zu unterziehen.
Voller Stolz und Glueck ueber unsere chinesische Fahrlizens, wussten wir nicht, dass der Schein nach Ablauf von 2 Jahren und danach jedes Jahr aufs Neue bei der Polizei abgestempelt und seine Gueltigkeit bestaetigt werden musste. Der Fuehrerschein selbst war auf 10 Jahre ausgestellt. Der fehlende Stempel fiel bei einer Polizeikontrolle auf. Dem Entzug meines Fuehrerscheins und einer Geldstrafe entging ich aufgrund der freundlichen Worte eines hoeheren Stadtbeamten, der mich im Wagen begleitete. Dieser erlaeuterte, dass die Auslaender dies wohl nicht wussten, da sie weder chinesisch lesen noch sprechen koennen, und sie es auf jeden Fall rasch nachholen wuerden. Wir konnten weiterfahren. Allerdings fand ich partout keine Zeit. Die Firma nahm mich zu sehr in Anspruch. Mein Fahrer sagte mir, ich muesse persoenlich bei der Polizei vorstellig werden. Also verschoben wir den Termin von Woche zu Woche und von Monat zu Monat. Auslaender wurden selten von der Polizei angehalten. Die Polizisten in der Provinz sprachen kein Englisch und ich vermied es tunlichst meine geringen Chinesischkenntnisse zum Besten zu geben. Als der Termin schliesslich um 9 Monate ueberschritten war, half auch kein Jammern und Betteln mehr, und auch nicht meine Stellung als kaufmaennischer Geschaeftsfuehrer einer weltbekannten Firma und einzigem internationalen Grossinvestor der Stadt. Wir wurden zur Nachpruefung geladen. Meine Frau war darueber absolut nicht begeistert und belegte mich mit Vorwuerfen ueber meine Nachlaessigkeit, die ich ja in allen Dingen an den Tag lege, die nicht mit der Firma zu tun haetten. Wir waren die ersten Auslaender, die je diese Polizeieinrichtung zur Nachschulung von Fuehrerscheininhabern besuchten. Prompt standen wir im Mittelpunkt allgemeinen Intresses aller Beamten und uebriger Schaulustiger. Gegen 10 Uhr vormittags wurden wir von einem Gruppenleiter angesprochen: „Ob wir nicht bereit waeren, dass man uns mit der Videokamera filmen wuerde.“ – So kann man anderen ‚Suendern’ vorfuehren, dass das Gesetz auch vor Auslaendern nich halt macht [Anm. des Autors] – Wir willigten ein. Die Schulung bestand ueberwiegend aus einem Fachgespraech ueber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Verkehrsregeln in Deutschland und China. Diese sind in der Tat nur geringfuegig abweichend. Die Verkehrsschilder entsprechen internationalem Standard. Um die Mittagszeit (2 Stunden Pause) erhielten wir unsere Frageboegen – in chinesisch – zur Vorbereitung auf die schriftliche Pruefung. Weder mein chinesischer Betriebsleiter, noch mein Fahrer – beide im Besitz eines gueltigen Fuehrerscheins – waren sonderlich vertraut mit den Fragen und diskutieren hitzig die richtigen Antworten. Die Pruefung endete schliesslich wie oben beschrieben. Wir erhielten einen bereits ausgefuellten Antwortbogen und mein Betriebsleiter schrieb die Antworten einfach ab. ‚Gesicht wahren ist einfach alles’. Dem Gesetz war genuege getan, wir hatten unseren Straftag abgesessen, nun wollte man uns das Leben nicht noch ungenuegend schwer machen. 2 Wochen spaeter erhielten wir die Fuehrerscheine zurueck.